Joachim Meyerhoff – Die Zweisamkeit der Einzelgänger

Den Namen Joachim Meyerhoff, sollte man sich – sofern nicht schon längst getan – ganz oben auf die Liste schreiben. Der preisgekrönte Theaterschauspieler überzeugt nämlich nicht nur in der darstellenden Kunst, sondern auch mit dem geschriebenen Wort. Mit Die Zweisamkeit der Einzelgänger ist im November der vierte und vorerst letzte Teil seiner autobiographischen Romanreihe Alle Toten fliegen hoch erschienen.

Kurzer Rückblick, was in Band eins bis drei (Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war, Amerika und Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke) passiert ist:
Federleicht, unverblümt und mit einer lässigen Selbstverständlichkeit erzählt, nimmt der jüngste Sohn des Klinikdirektors seine Leser in die anfangs doch etwas befremdlich wirkende Kindheitsidylle auf dem Gelände einer riesigen Kinder- und Jugendpsychiatrie mit. Hier sind es die Schreie der Patienten, zu denen er bald besser einschläft als zum Schlaflied der Mutter. Als Jugendlichen zieht es ihn dann von Schleswig-Holstein nach Wyoming. Joachims Plan: nach einem Jahr an der dortigen High School Rückkehr als vor Selbstbewusstsein nur so sprühender Basketballstar. Der Plan des Schicksals: frühzeitige Rückkehr aufgrund des tragischen Unfalltods des Bruders. Nach der Schule geht Joachim dann zu den exzentrischen Großeltern nach München. Dort spricht er – mehr aus Versehen, ein Dummejungenstreich – an der Otto-Falckenberg-Schule vor. Allen Patzen und gegenteiligen Hoffnungen zum Trotz wird er aufgenommen. Schauspieler also. Die Schauspielschule ist eine Welt für sich, ähnlich grotesk der der Psychiatrie.

Die ersten drei Bände muss man nicht zwingend gelesen haben, um Die Zweisamkeit der Einzelgänger zu verstehen, auch wenn es hin und wieder Rückbezüge gibt. Nichtsdestotrotz lohnt es sich, auch durch die Vorgänger zu blättern. Weniger des Verständnis‘, sondern ihrer selbst willen: dreier unterhaltsamer, fein arrangierter Geschichten voller liebenswerter Figuren.

Band vier gibt nun Einblicke in die Arbeit am Theater vor und hinter den Kulissen. Und in Joachims Herz. Da haben sich die intelligente Studentin Hannah, die exzessive Tänzerin Franka und die freche Bäckerin Ilse eingenistet. Die drei voreinander geheim zu halten, wird für den Ich-Erzähler zur Mammutaufgabe.

Mit den wahrscheinlich schönsten Metaphern seit Erfindung der Schrift erzählt Multitalent Meyerhoff in seinen Entwicklungsromanen von Glücksgefühlen und Niederlagen, und vor allem davon, wie nahe diese oft beieinanderliegen. Seine Toten – denen er den Haupttitel der Tetralogie gewidmet hat – sind in Gedanken immer mit dabei.

 

Verlag: Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-04944-2
Preis: 24,00 €
416 Seiten, gebunden

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